15.12.14

Trotz? Eine Begriffsbestimmung

Meine Tochter trotzt. Oh, wie ich dieses Wort hasse! Trotz, das ist das naseweiße Aufbegehren gegen eine gottgegebene Ordnung. Trotz, dieses Wort, das den Fokus immer nur auf die verletzte Eitelkeit des Erwachsenen legt, stammt direkt aus der schwarzen Pädagogik. 
Meine Tochter erkennt vielmehr, dass sie einen Willen hat, und ein Recht darauf, diesen Willen durchzusetzen. Ganz richtig beschreibt Jesper Juul die "Trotzphase" als Autonomiephase. Wunderbar, denn ist es nicht unser Ziel, autonome, selbstbewusste Kinder erziehen? Ich bin stolz, dass meine Tochter einen eigenen Willen hat, und ich möchte sie dabei unterstützen, ihren Willen in ein gemeinsames Miteinander zu integrieren.


Meine Tochter testet Grenzen aus. Noch so ein Wort, bei dem sich meine Zehennägel einrollen. Grenzen - brrr.... Wenn man sagt, ein Kind braucht Grenzen, dann ist damit doch meist gemeint, ein Kind muss gehorchen lernen, wenn die Eltern etwas sagen. Nun ist aber Gehorsam das Gegenteil von Autonomie (siehe oben). Einem Kind in der Autonomiephase Gehorsam aufzuzwingen kann nur nach hinten losgehen.
Natürlich ist es so, dass meine Tochter (und vermutlich auch andere Kinder) schaut, wie ich auf ihre Handlungen reagiere. Wie ich reagiere, wenn sei weitermacht, auch wenn ich "Nein" gesagt habe. Sie testet keine Grenzen, sie testet meine Authentizität! Wieder legt die Terminologie den falschen Fokus: Es geht nicht darum, dass sie renitent gegen Grenzen verstößt, um mich herauszufordern. Sie will wissen, wer ich bin, es geht um meine Souveränität! Sie will von mir wissen, ob ich ehrlich und kohärent bin. Ob sie vor mir wirklich Respekt haben sollte, ob sie meine natürlich Autorität anerkennen kann, oder ob ich ein Popanz bin, große Klappe und nichts dahinter.
Ein Beispiel: Meine Tochter sitzt auf ihrem Stühlchen, der Mülleimer für den Plastikmüll unter dem Tisch ist in perfekter Nähe zu ihren Füßchen.
"Boms, dagegen treten. Toll, was für ein lautes Scheppern. Mama lächelt, findet das auch lustig, gut, ich mach noch mal! Boms, boms, lauter, BOMS, BOMS, B-O-M-S!"
Das finde ich nun nichtmehr lustig. Ich schaue meine Tochter an, sage ihr: Ich möchte nichtmehr, dass Du dagegentrittst. Entweder, du hörst auf, oder ich nehm dich vom Stühlchen.
--- BOMS!
Also nehme ich meine Tochter vom Stühlchen, und setz sie auf den Boden. Sie läuft los, holt ihre Puppe und gemeinsam ziehen wir der Puppe das Kleidchen an. So einfach geht das.


Das klappt natürlich nicht immer so gut. Manchmal protestiert sie heftig, wenn ich sie aus der Situation nehme, dir mir nicht gefällt. Und ich muss auch sagen, dass ich nicht immer schnell genug reagiere. Ich neige dazu (wie so viele Mütter-Generationen vor mir, mein Gott, wo kommt diese Unsitte überhaupt her?), sie zwei-, drei-, viermal zu fragen (oder "ermahnen"), bevor ich selbst aktiv werde. Dieses mehrmalige Ermahnen aber ist total kontraproduktiv. Anstelle einer echten Alternative stellt es einen Leerlauf dar, ein Hiatus der Unsicherheit, in dem das Kind nicht weiß, was Sache ist, und ich nicht weiß, wie ich weitermachen soll. Ich habe da sicherlich noch Verbesserungsbedarf. Wenn aber meine Tochter verstanden hat, was ich ihr sage, welche Alternativen sie hat und ich dann sofort und kohärent reagiere, gibt es auch meistens kein Problem.

Meine Tochter will alles selber machen. Von Eltern und Verwandten meist liebevoll belächelt ("Schau mal, wie süß, der kleine Otto zieht sich die Unterhose über den Kopf!"), um sodann von den bemühten Erziehern korrigiert zu werden. Doch es ist mehr als "Ich will das alleine machen". Jesper Juul schenkt auch hier wieder eine neue Perspektive: Das Kind möchte anerkannt werden, als jemand, der einen individuellen Beitrag zur Gemeinschaft leisten kann, durch seine eigene Persönlichkeit. Das drückt sich zunächst dadurch aus, dass es alles das machen will, was auch die "Großen" machen: Abwaschen, die Wäsche aufhängen, Bücher lesen, am PC rumtippen, Schuhe anziehen. Aber im Endeffekt geht es darum, den eigenen Platz im Miteinander zu finden.
Das Wichtigste, was ich dabei machen kann, ist, meine Tochter wirklich zu integrieren und ihre Bemühungen wirklich ernst zu nehmen. Kein "Ich mach das schnell für Dich", kein "pass auf, pass auf, sei ja vorsichtig!", kein: "nein, so macht man das nicht, lass mich das machen". Es klingt so einfach, aber es ist doch so schwer: Nur, wenn ich mein Kind ernst nehme, kann ich auch erwarten, dass mein Kind mich ernst nimmt.



Fazit: Die landläufigen Begriffe über die gefürchtete Trotzphase könnten fehlleitender nicht sein. Eigentlich müsste es so heißen:


Trotz = Autonomie

Grenzen testen = Authentizität testen
Selber machen = Sich in die Gemeinschaft integrieren.

Auch, wenn die "Trotzphase" durch neue Begrifflichkeiten weder schneller noch einfacher verläuft - meine Einstellung ändert sich, und dadurch die Art des Zusammenseins.  

09.12.14

Ordnung, Rhythmus, Struktur - Eine verfrühte Liste mit guten Vorsätzen

Ich war nie sonderlich ordentlich, habe es nie gelernt. Meine gesamte Familie ist mehr der Typ chaotisch-charmant. Liebenswert, ohne Frage, aber strukturiert? Nicht im Geringsten. Schon immer habe ich mich mehr so durchgewurschtelt, ob in der Schule, im Studium, im Umgang mit Behörden. Aber vor allem auch beim Aufräumen.





Bis zu einem gewissen Grad hat ein etwas Chaotie ja ihren Reiz. Kein Mensch mag klinisch-sterile Räume, Leben heißt Dynamik. Doch wie viel davon ist noch auszuhalten? Wie viel Unordnung ist Chaos? Und auf der anderen Seite, wie viel Struktur ist Stillstand?


Mein Mutter-Sein hat mir auch hier mal wieder neue Einsichten geschenkt. Meine Tochter liebt, wie jedes Kind, Rhythmen und Rituale. Nach dem Frühstück gehen wir raus, egal ob in die Kita oder spazieren oder einkaufen - Nach dem Mittagessen geht sie schlafen - Und so weiter, und so fort.


Doch nicht nur Abläufe sind geordnet, auch die Räumlichkeit gehorcht einer gewissen Struktur. Bücher gehören ins Regal - Töpfe gehören ins Fach unter die Schüsseln - Bananen liegen in der Obstschüssel - Das Töpfchen steht im Bad. Ordnung ist hier mehr als Aufgeräumtheit, es ist der Lebensraum selbst, der dadurch überhaupt erst verstehbar wird.




Das Gleiche gilt auch für die Ordnung in meinen vier Wänden. Es heißt, der schönste Schmuck für einen Raum ist Ordung. Warum? Weil wir Menschen Klarheit lieben. Wir brauchen Übersicht, Struktur, Klarheit. Ja, wir brauchen äußere Strukturen, damit die innere Unstrukturiertheit besser zu ertragen ist.
Ich will ehrlich sein: Ich habe das Gefühl, ein Don Quixote des Aufräumens zu sein. Ich räume einen Raum auf, und kaum nutze ich (oder wir) ihn wieder, schwupps, ist er wieder gewohnt chaotisch unordentlich. Ich spüre in mir eine merkwürdige Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen, die ich benutze. Es ist mir egal, wo sie liegen, wenn ich sie nicht benutze, und es ist mir insbesondere egal, wenn sie noch rumliegen, wenn ich sie benutzt habe. Daraus folgend ist Ordnung ein sekundärer Prozess, der nachträglich geschaffen werden muss. Die Nutzung von Gegenständen und deren Wegräumen hängen für mich nicht inhärent zusammen. Oder noch krasser ausgedrückt: Die Nutzung der Wohnung und deren Ordnung hängen für mich nicht zusammen. Es ist interessant und beschämend zugleich, mir das einzugestehen.



Ich will versuchen, ordentlicher zu sein. Oder besser: strukturierter, organisierter! Denn irgendwo am Ende der ganzen Gedankenschieberei sagt ein kleines Männchen zu mir: Wie willst Du jemals einen Selbstversorger-Hof wuppen, wenn Du nichtmal Deine kleine Wohnung in Ordnung halten kannst? Und verdammt, das kleine Männchen hat Recht!

Es ist die Notwendigkeit der äußeren Umstände, der natürlichen Rhythmen, denen ich gehorchen lernen will. Tief in mir drin spüre ich, dass es falsch ist, sich ständig durchzumogeln. Dass es nicht richtig ist, wenn man denkt, für mich gelten die Gesetze der anderen nicht (zB Abgabefristen in der Bücherei...!). Ist es nicht gerade dieser Impuls, der mich Marmelade kochen und Socken stricken lässt, der mich alte Handarbeiten wieder entdecken und den Weißkohl einwecken lässt? Es ist der Wunsch, sich der "großen" Ordnung anzupassen. Lebensmittel zubereiten und Kleidung herzustellen, weil wir sie brauchen, und sie eben nicht von der Stange zu kaufen. Schnell, billig, sofort verfügbar eine quick-and-dirty Lösung für unsere essentiellen Bedürfnisse. Wir tun so, als wären wir über all unsere Bedürfnisse, über den Wertstoff-Kreislauf und die Jahreszeiten erhaben. Wir mogeln uns durch! Kein Wunder, dass wir uns irgendwie falsch und unecht anfühlen.


Ich will mich nicht mehr durchmogeln. Und, wie schon gesagt, im Kleinen muss es beginnen...


07.12.14

Sonntagsfreude - Neues, Helles, Frisches


Am Sonntag einen Blick auf die vergangene Woche richten: Bild(er), Worte, Gedanken... die ein Lächeln ins Gesicht zaubern, einfach gut tun oder ohne große Erklärung schlicht und einfach eine Sonntagsfreude sind.

nach einer Idee von kreativberg


Auch wenn das Wetter grau und kalt, die Tage kurz und dunkel sind, zieht überraschend viel Helles, Neues, Freundliches in unsere kleine Wohnung ein. Manches Neue ist schon uralt und lange im Familienbesitz, wie zum Beispiel der kleine Mönch, der ganz verträumt duftenden Rauch verschmaucht...


Zusammen mit den Engelchen aus Bronze, die ich vor langer Zeit von meiner Mutter zum Nikolaus geschenkt bekommen habe, steht der kleine Mönch auf unserem Jahreszeiten-Fensterbrett, das sich heute endlich weihnachtlich herausputzen durfte. 


Der Wochenmarkt versorgt uns auch im Winter mit frischem Obst und Gemüse,


...so dass  auf dem Herd ein Eintopf  aus frischem Gemüse köcheln kann - definitiv eine Sonntagsfreude :)

Das Teeregal hat einen wohlverdienten, lang ersehnten Winterputz erhalten. Alte Gläser, neu beschriftet, präsentieren allerlei Gutes gegen Krankheit und schlechte Laune. 

Im Flur warten die Plätzchendosen auf neues Futter - und wir mit ihnen. Heute, wenn es dunkel geworden ist, nach einem erfrischenden Spaziergang, wollen wir Plätzchen backen.


Wir entzünden die zweite Kerze am Kranz, singen Adventslieder, trinken warmen Tee und genießen die letzen, innigen Stunden des zweiten Advents. 








01.12.14

Adventsfreuden

Viel ist geschehen in dieser Woche, Deadlines auf der Arbeit, Adventsvorbereitungen, die Handwerker waren auch noch mal kurz da. So habe ich es nicht geschafft, meine Sonntagsfreue gestern bei kreativberg zu posten. Ich hatte aber trotzdem Sonntagsfreuden, das auf jeden Fall!
Wir haben es gestern trotz allem geschafft, ein paar ruhige, besinnliche Momente zu genießen.

Den Adventskranz binden...




Plätzchen backen...




... und naschen...


Abends dann den Kranz entzünden und Lieder singen....









26.11.14

Adventsgeschäft


Tannenzweige gehören unverbrüchlich zum Advent. Den Adventskranz zu binden ist eine Tradition, die mich mehr als alles andere auf die Weihnachtszeit einstimmt. Die Zweige habe ich immer aus dem eigenen Garten oder dem Garten meiner Familie bekommen. Nun, da meine Eltern und uns mehrere Bundesländer trennen, und der Garten, den wir seit diesem Herbst übernehmen durften, kein Nadelgehölz birgt, habe ich meine Tannenzweige heute auf dem Wochenmarkt besorgt. 






Die Blumenhändlerin, eine unheimlich sympathische Frau, kommt leicht mit ihren Kunden ins Gespräch, und so hatten auch wir ein kleines Schwätzchen über das How-To des Adventskränzebindens. Als es ans Bezahlen ging, hatte die Gärtnerin vergessen, dass ich zwei Bündel jener Zweige gekauft hatte, und begann, ihre Rechnung mit nur einem anzufangen. Ich sagte ihr, dass ich zwei genommen hätte. Sie hielt kurz inne, lachte mich an und meinte, das sei jetzt sehr ehrlich von mir gewesen. 
Ich antwortete (sinngemäß), dass ich ganz bewusst meine Waren auf dem Markt kaufe, um die einzelnen Verkäufer zu unterstützen. Da werde ich nicht anfangen, die Blumenfrau um drei Euro für Zweige zu behumpsen - erst Recht nicht, wenn ich davon einen Adventskranz binden will, ein Symbol, das uns auf die Ankunft Christi vorbereiten soll. 





Nach Hause gefahren bin ich mit dem guten Gefühl, das Richtige getan zu haben. 


24.11.14

Philosophieren über Tiere


Solange Menschen denken, 
dass Tiere nicht fühlen
müssen Tiere fühlen, 
dass Menschen nicht denken. 
(Unbekannt)


Dieses Bonmot habe ich heute in einer Zeitschrift gefunden, die das Tollwood Winterfestival ankündigte. Unter dem Motto LEBE!WESEN veranstaltet Tollwood am 25.11. in München ein Festival zum Thema artgerechte Tierhaltung. 


Als Vegetarierin bin ich immer interessiert an tierrechtlichen Themen, und heute morgen hat mich dieser Spruch sehr zum Nachdenken gebracht. 
Die Bedeutung liegt auf der Hand: Tiere empfinden Schmerz und Leid, und ein Mensch, der das missachtet, handelt gedankenlos. Wie kommt es, dass Menschen so gedankenlos handeln?
Zunächst einmal denkt dieser Mensch lediglich, dass Tiere nichts empfinden, das heißt, er glaubt es, er weiß es nicht. Sein Verhältnis zum Tier ist nicht durch Wissen, sondern durch Glauben geprägt. Das ist traurig, weil wir nämlich unheimlich viel über Tiere wissen, von der Biologie angefangen bis hin zu ihrem hochkomplexen Sozialverhalten. Die Wissenschaft sagt uns, dass Tiere fühlen - ein Mensch, der das noch immer nicht glaubt, entscheidet sich einfach, es nicht zu glauben. 
Das ist genau die Gedankenlosigkeit, die gemeint ist. Dieser Mensch hat nicht nachgedacht! Er geht den einfachen Weg, verschließt die Augen vor der Leidensfähigkeit der Tiere, obwohl rationales und wissenschaftliches Nachdenken ihn anders handeln lassen würden. Daraus folgt aber, dass alle Menschen, die Tiere misshandeln oder ausbeuten, entweder nicht nachgedacht haben (und sie sich daher der Ignoranz schuldig machen), oder aber, sie wissen genau was sie tun, aber es interessiert sie einfach nicht. Das finde ich sogar noch schlimmer! Menschen, die wissen, welches Leid sie den Tieren zufügen (in der industriellen Massentierhaltung, Woll- oder Lederproduktion), und es trotzdem akzeptieren, handeln aus meiner Sicht zutiefst unmoralisch.

Gegen Ausbeutung der Tiere

Ich bin nicht gegen Nutztierhaltung, im Gegenteil! Auch ich träume von ein paar Hühnern im Hof, ein paar Schafen für die Wolle (so wie Frau Krähe :)). Es ist möglich, mit Tieren in Harmonie zu leben, ohne sie zu missachten oder sie auszubeuten. Ein Zusammenleben mit (Nutz-)Tieren, dass auf Verständnis, Achtsamkeit und Einklang beruht, bedeutet gleichzeitig Verständnis, Achtsamkeit und Einklang mit der Natur selbst. Und das finde ich in höchstem Maße erstrebenswert.
Aber ich leide sehr darunter, wie viele Menschen mit Tieren umgehen. Die industrialisierte Nutzung von Tieren ist mit das Schlimmste und Grausamste, was derzeit auf Gottes grüner Erde passiert. Wann hört das endlich auf?

23.11.14

Sonntagsfreude


Am Sonntag einen Blick auf die vergangene Woche richten: Bild(er), Worte, Gedanken... die ein Lächeln ins Gesicht zaubern, einfach gut tun oder ohne große Erklärung schlicht und einfach eine Sonntagsfreude sind.

nach einer Idee von kreativberg




Der Besuch des Opas aus Berlin
Ein Sonntagsfrühstück mit frischen Bäcker-Brötchen
Sonne

21.11.14

Novembermorgen

Raus aus dem Haus, raus aus der Komfort-Zone. Durch Zufall entdeckte ich diesen Post bei Lena von zauberflink, und neben ihren wunder- wunderschönen waldorf-inspirierten Puppen fanden sich da diese beiden Sätze:

1. Häufiger etwas Neues ausprobieren und die eigene Komfort-Zone verlassen und
2. Den Kindern räumlich und zeitlich unbegrenztes Spiel in der Natur ermöglichen


Das hat nachgeklungen in mir. Manchmal finden sich die besten Inspirationen ganz zufällig (oder doch nicht zufällig?). Ich gebe zu, meine Komfort-Zone beschränkt sich zur Zeit auf die Küche, mein Nähtischchen, vielleicht noch der Garten. Der Spielplatz gehört seit dem ersten Bodenfrost nicht mehr dazu. Wie schade! Meine Tochter ist, wie meine Mutter es mal so schön ausdrückte, ein richtiges Outdoor-Baby. Nach dem Frühstück drückt sie mir ihre Stiefel in die Hand und möchte am liebsten sofort raus. Sie liebt ihre Kita, und ich freue mich an ihrer Freude, jeden Morgen den Weg dorthin mit mir zu beschreiten. Nun war sie die ganze Woche über krank. Wohin sollte uns der allmorgendliche Ausflug führen?


Also kochte ich mir warmen Tee, packte mich und mein Kind warm ein und spazierte eines schönen Novembermorgens zu dem menschenverlassenen Kinderspielplatz an der Ecke. 


Nass, kalt, grau, und doch genau das, was wir gerade brauchte. Auch wenn meiner Tochter ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit qua Winterstiefel und Schneeanzug nicht gefielen, das Spiel im nassen Sand umso mehr. Auch aus klammkalten Sand lassen sich Birnen, Eiskugeln und Seesterne formen. Ein leise Erinnerung an den letzten Sommer huschte kurz vorbei, um sich im taubenetzen Spinnweb zu verlieren. 


Der Morgen war ruhig, die Luft frisch, und überall sah man noch die letzten Boten des vergangenen Herbst. Nein, keine Boten des Vergangenen! Rosen im Rauhreif, Himbeeren, erkaltet vor der Reife, die Einheit aus Blühen und Vergehen, das ist der späte Herbst.



Das hat uns gut getan. Zu Hause angekommen, im Komfort der eigenen vier Wände, im Fluss der täglichen Aufgaben, ist es gut zu wissen, wie leicht es ist, einfach los zu gehen. 

18.11.14

Konsequenz

Die Feste feiern, wie sie fallen! Ich bin ein Mensch, der es nimmt, wie es kommt, der sich keine großen Gedanken um das Später macht, allerhöchstens, um in naher Zukunft ein wunderbares Jetzt daraus zu machen. Ein bisschen Anarchie, viel verklärter Optimismus und - ich gebe es zu - einiges an Durchmogelei haben meinen Lebensweg bis jetzt bestimmt. Bis jetzt. Bis ich Mutter wurde. Als meine Kleine quasi noch ein Fötus war, habe ich Bücher über Erziehung gelesen, Juul, Dreikurs, Neill, die Klassiker eben. Und alles hat Sinn gemacht, und ich dachte, hey, das wird doch ein Klacks! Bestimmt aber freundlich - kein Problem. Logische Folgen anwenden - bingo. Gleichwürdigkeit - so wie so.



Meine Tochter ist jetzt anderthalb, und ich befürchte fast, wir haben das Trotzalter erreicht... ich korrigiere, die Autonomiephase. Mein Kind soll autonom aufwachsen, keine Frage, es soll sich und seine Bedürfnisse ernst nehmen und sie vertreten können. Sie soll nicht nach meiner Pfeife oder um meine Befindlichkeiten herumtanzen. Und doch merke ich gerade, wie mir die Sache entgleitet.


Sie ist sehr anhänglich und quengelig, und gerät schnell außer sich, wenn ich ihr nicht die Aufmerksamkeit schenke, die sie sich gerade wünscht. Eines meiner Credos in punkto Erziehung ist: Das Kind ist ein emotionaler Seismograph! Wenn mein Kind also quengelig ist und es mein Nein nicht akzeptiert, dann hat das definitiv etwas mit meiner Qualität zu tun, Dinge klar und deutlich zu formulieren. Wenn ich sage: "Jetzt nicht", aber keine zwei Wimpernschläge später mit einem halben Auge zu ihr rüberschiele, ob der Becher Milch auch nicht umkippt, nur um in bester Mutti-kann-alles-Multitasking-Manier den Becher abzufangen, dann ist das nicht sehr konsequent. "Nicht jetzt" müsste doch heißen: "Mich interessiert es auch nicht, wenn Du Dich mit Milch begießt"... oder? Was soll das Kind denn daraus lernen, wenn ich ihr mit Worten sage, ich bin jetzt mit etwas anderem beschäftigt, aber ihr mit meinen Taten zu verstehen gebe, dass meine Augen überall sind, insbesondere bei ihr? Und warum um alles in der Welt interessiert es mich eigentlich, wenn sie sich mit Milch begießt? Waschen kann ich doch wirklich später...


Ich gebe zu, ich bin etwas überfordert. Ja, mit so simplen Dingen wie Kochen und gleichzeitig auf mein Kind aufzupassen. Wann ist Ignorieren angebracht, wann ist es einfach nur kaltschnäuzig? Wann kann ich meinen Willen auf Kosten des ihren durchsetzen (Wickeln!), und wann sollte ich ihr den ihren lassen?


Es heißt, sobald eine Partei unglücklich ist im Familienleben, ist etwas in der Schieflage. Nun, das mag gerade durchaus der Fall sein. Ich muss viel lernen. Mein Kind hält mir den Spiegel vor und zeigt mir die Dinge, die ich an mir selbst nicht mag. Dafür bin ich im Grunde sehr dankbar. Denn das bedeutet, dass ich von ihr lernen kann, mich selbst zu verändern.

17.11.14

Königskuchen

Es ist Herbst, ja fast schon Winter. Meine liebste Jahreszeit. Die Zeit der Einkehr, Ruhe und Geborgenheit. Es ist die Zeit im Jahr, da ich mir Wollsocken überziehe, einen warmen Tee aufbrühe und bei Hörbuch und Kerzenschein Handarbeiten für ein behagliches Heim schaffe. Oder mit meinem Kind durch Blätterberge tolle. Oder einen üppigen Kuchen backe.





Königskuchen - der Name ist nicht umsonst gewählt. Sehr königlich und luxuriös fühle ich mich beim Bereiten und Verspeisen dieser Köstlichkeit. Im Grunde handelt es sich um einen einfachen, sehr reißfesten Rührteig, der mit Korinthen, Orangeat, Zitronat, Mandeln, Walnüssen und dergleichen mehr angereichert wird. Der Teig muss so fest sein, dass er die schweren Zutaten gut tragen kann - und diese dürfen gut die Hälfte des Kuchens ausmachen! Rezepte finden sich bei Marions Kochbuch oder hier bei lecker.de.





Da ich Früchte- und Gewürzbrot in allen Varianten liebe, ist die genaue Zusammensetzung des Königskuchen fast schon egal. Diesmal war es eine Mischung aus Rosinen, Orangeat und Zitronat und Walnüssen. Das ganze getoppt mit Schokoguss und noch mehr Walnüssen.





Ein Kuchen, süß und kräftig, genau das Richtige bei diesem Wetter. 



11.11.14

Neuer Werdegang

Ich bin eine bekennende (wenn auch kritische) Waldorfmama. Ich liebe die friedliche Atmosphäre, die Feste und Feierlichkeiten. Ich habe viel von dem Waldorfalltag mitbekommen, als meine kleinen Geschwister in eine Waldorfschule eingeschult wurden. Für mich ist die Waldorfbewegung die vielversprechenste, hoffnungsvollste Alternative zu unserer modernen, "ver-wissenschaftlichten" Welt.




So habe ich mich denn vor einigen Jahren dazu entschieden, eine Ausbildung zur Waldorf-Klassenlehrerin zu machen (die ich noch beenden muss.) Ich arbeite zur Zeit an der Universität, und auch wenn das Leben auf dem Campus wirklich gütig ist - die wissenschaftliche Arbeit alleine genügt mir nicht. Ich habe schon immer den Kontakt zu anderen, vor allem jungen Menschen gesucht. Ich bin Philosophin von Hause aus, und das Philosophieren mit Kindern ist für mich das Schönste auf der Welt.




Nun, ich habe mich vor ein paar Wochen für zwei freie Stellen zur Klassenlehrerin im Großraum Stuttgart beworben. Heute habe ich erfahren, dass die eine Stelle schon besetzt ist, und bei der anderen mache ich mir auch keine großen Hoffnungen. Traurig, sicher, das bin ich sehr. Aber nicht entmutigt. Ich habe mich entschlossen, mein Leben zu ändern, alles zu ändern, was mich aufhält, und dorthin zu streben, wo ich mich zu Hause fühle.



10.11.14

Zwischengeflecht

Was ich leben möchte ist eine Art progressive Weltflucht: Flucht vor dem Alten, vor unfrei machenden Strukturen, Flucht vor dem "Anderen", "Unechten", was ich nicht benennen kann, aber was mir entgegenschlägt sobald ich ins Kino gehe, den Supermarkt betrete, im Wald dem Autobahn-lärm nicht entfliehen kann. Flucht hin zu dem Neuen, dem Freien, Authentischen, was ich auch nicht benennen kann, aber was ich mitunter fühle in Momenten der Ruhe.
Ich weiß, ich bin nicht allein mit diesem Wunsch, und ich weiß, dass es irgendwie möglich ist, ein Leben in Annährung an dieses Neue zu führen. Aber ganz wird man sich nicht entziehen können, immerhin bin ich Teil dieser Gesellschaft. Und, machen wir uns nichts vor, ich bin sehr froh über alle positiven Errungenschaften der modernen Welt. Ich will weder auf Krankenhäuser noch Abflusssysteme verzichten, nicht auf Heizungen, nicht auf das Radio und auch nicht auf die Lohnsteuer. Und wir können auf die Politiker schimpfen wie wir wollen, Demokratie ist eine ziemlich gute Staatsform. Aber geht nicht beides? Muss unsere moderne Welt automatisch mit Unfreiheit und Ich-Verlust einhergehen? Gibt es nicht etwas dazwischen?
Ich stelle mir die Erde als ein riesiges buntes Geflecht vor, aus tausenden von Fäden, und jeder Lebensweg ist ein Faden. Manche Fäden sind tief am Boden, stark verknüpft mit all den Selbsterhaltungsmechanismen unseres Systems. Diese Fäden laufen von der Massentierhaltung zur Automobilindustrie, hinüber zum TV nebst Tabak- und Alkohollobby. Ach, so viele Menschen leben genau das Leben, das gebraucht wird!
Und dann gibt es Fäden, die sich von den Eckpfeilern lösen, die ihre Windungen um andere Haken schlagen. Sie suchen Alternativen, schaffen welche und vollbringen kleine Wunder. Ich frage mich: Kann ich meinen Faden fort spannen? So frei und subsistent wie möglich, mit minimalen Berührungspunkten an die tiefen Strukturpfeiler? Kann ich im Geflecht der Lebensfäden irgendwo "dazwischen" sein?

Der entfremdete Mensch


Erich Fromm by Arturo Espinosa
"Ein Mensch jedoch, 
der nicht völlig entfremdet ist, 
der noch immer empfindsam geblieben ist,
und noch fühlen kann, 
der noch nicht den Sinn für Würde verloren hat,
der nicht käuflich ist, 
der am Leiden anderer selbst noch zu leiden vermag, der noch nicht vollständig in der Existenzweise des Habens lebt,
kurzum jemand, der noch Person geblieben ist, kein Ding, 
ein solcher Mensch kann nicht anders, 
als sich in der heutigen Gesellschaft 
einsam, ohnmächtig und isoliert zu erleben.” 

- Erich Fromm - 




Ich möchte Mensch bleiben, Person im eigentlichen Sinne, produktiv, kreativ, selbst-erhaltend. In Liebe und Einklang mit mir und meiner Umwelt. Ich weiß noch nicht, wie, oder auch nur ob mir das gelingen kann. Aber ich will es versuchen, immer wieder, für mich und mein Kind, für meinen Mann und meinen Garten, für alles was lebt möchte ich an einer neuen Welt arbeiten. Im Kleinen muss es beginnen...


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